Ihre Migräne hat eine Lieblingsseite – und das ist kein Zufall
Sie wissen genau, wann eine Attacke kommt. Sie kennen Ihre Trigger, Ihre Medikamente, Ihren Notfallplan. Aber haben Sie sich je gefragt, warum der Schmerz immer auf derselben Seite sitzt? Forscher gingen dieser Frage nach und Überraschendes entdeckt.

Wer unter Migräne leidet, kennt das Muster meist genau: Der pochende Schmerz sitzt oft auf einer bestimmten Seite des Kopfes. Doch spielt es eine Rolle, ob die Attacke links oder rechts zuschlägt? Dr. Adam Sprouse Blum, Assistenzprofessor für neurologische Wissenschaften an der Universität Vermont, hat genau diese Frage untersucht – und überraschende Unterschiede gefunden.
Mehr als nur Kopfschmerz
Zunächst eine wichtige Klarstellung: «Linksseitige» und «rechtsseitige» Migräne sind keine offiziellen medizinischen Diagnosen. Das Wort Migräne stammt zwar vom griechischen «hemicrania» ab, was auf den einseitigen Charakter hindeutet, doch die Erkrankung umfasst weit mehr als den Schmerz allein. Lichtempfindlichkeit, Übelkeit, Geräuschempfindlichkeit und kognitive Einschränkungen gehören ebenso zum Krankheitsbild. Für die Forschung diente die Schmerzseite jedoch als nützliches Unterscheidungsmerkmal.
Was die Wissenschaft bisher übersehen hat
Sprouse Blums Team durchforstete über 5000 wissenschaftliche Publikationen – und fand gerade einmal 26 Studien, die sich tatsächlich mit der Frage der Schmerzlokalisation befassten. Ein erstaunlich kleiner Fundus für ein so häufiges Leiden. Die wenigen vorhandenen Untersuchungen zeigten jedoch interessante Muster.
Menschen mit rechtsseitiger Migräne wiesen häufiger Depressionen auf, schnitten bei Tests zum visuell-räumlichen Gedächtnis schlechter ab und zeigten Veränderungen im autonomen Nervensystem. Bei linksseitiger Migräne hingegen traten vermehrt Angststörungen, bipolare Störungen und posttraumatische Belastungsstörungen auf.
Ein überraschender Befund
Die wohl spannendste Entdeckung stammt aus der eigenen Klinik: Sprouse Blum und sein Team analysierten Daten von über 5000 Migränepatientinnen und -patienten aus 20 Jahren. Sie suchten gezielt nach Menschen, deren Kopfschmerzen fast ausschliesslich auf einer Seite auftraten – eine strenge Auswahl, die nur etwa fünf Prozent der Betroffenen umfasste.
Das Ergebnis: Bei den meisten Symptomen – Lichtempfindlichkeit, Übelkeit, Aura – gab es keine Unterschiede zwischen den Gruppen. Doch bei der Anzahl schwerer Kopfschmerztage zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Menschen mit linksseitiger Migräne hatten mehr als 25 Prozent mehr Tage mit starken Kopfschmerzen pro Monat.
Was im Gehirn passiert
Mittels funktioneller Magnetresonanztomografie untersuchte das Team, welche Hirnregionen während einer Attacke aktiv sind. Dafür liessen sich Betroffene während eines akuten Anfalls in den Scanner legen – und verzichteten sogar auf ihre Schmerzmittel, bis die Untersuchung abgeschlossen war. Die Mühe zahlte sich aus: Je nach Schmerzseite leuchteten tatsächlich unterschiedliche Gehirnareale auf.
Noch rätselhafter ist ein weiterer Befund: Menschen mit linksseitiger Migräne zeigten über 50 Prozent mehr sogenannte Hyperintensitäten der weissen Substanz – kleine Veränderungen im Gehirn, die auf MRT-Bildern als helle Flecken erscheinen. Dieser Unterschied betraf beide Hirnhälften, nicht nur die Schmerzseite. Was diese Veränderungen bedeuten, ist noch unklar. Beruhigend ist jedoch: Bei Migräne wurden sie bisher nicht mit Symptomen oder gefährlichen Entwicklungen in Verbindung gebracht.
Noch keine Konsequenzen für die Therapie
Bedeutet das nun, dass Betroffene ihre Schmerzseite beim nächsten Arztbesuch erwähnen sollten? «Noch nicht», sagt Sprouse Blum. Derzeit gebe es keine Hinweise, dass bestimmte Medikamente bei links- oder rechtsseitiger Migräne unterschiedlich wirken. Bekannt sei lediglich, dass einseitige Kopfschmerzen generell besser auf Behandlungen ansprechen als beidseitige.
Die Erkenntnisse seien vorerst wissenschaftlich interessant, aber noch nicht klinisch relevant. Für die Zukunft könnte sich das jedoch ändern: Wenn Studien künftig systematisch die Schmerzseite erfassen, liessen sich möglicherweise gezieltere Therapieansätze entwickeln.
Ein Puzzleteil im grösseren Bild
Interessanterweise fügen sich die Befunde in ein breiteres Muster ein: Auch bei anderen Schmerzformen scheint die linke Körperseite sensibler zu reagieren. Die linke Hand ist empfindlicher gegenüber Schmerzreizen, Schulterschmerzen nach einem Schlaganfall werden häufiger chronisch, wenn sie links auftreten, und chronische Rückenschmerzen auf der linken Seite gehen bei Männern mit schlechterer Lebensqualität einher.
Ob die Unterschiede bei Migräne also migränespezifisch sind oder Teil einer allgemeineren Asymmetrie in der Schmerzverarbeitung, bleibt offen. Das Gehirn ist trotz seiner scheinbaren Symmetrie bewusst asymmetrisch aufgebaut – bestimmte Funktionen wie die Sprachverarbeitung sind auf eine Hemisphäre spezialisiert. Vielleicht gilt Ähnliches für die Schmerzverarbeitung.
Eines ist sicher: Linke und rechte Migräne sind keine identischen Zwillinge. Die Forschung steht zwar noch am Anfang, doch die ersten Puzzleteile deuten auf faszinierende Unterschiede hin, die eines Tages zu präziseren Behandlungen führen könnten.
Bild: AminaDesign/Adobe Stock
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